The Adventures of Max-fucking-Caulfield, Time Warrior!

lis5Bis zum unübersehbaren Hinweis ohne Zusatz von Spoilern!

In diesem Artikel hatte ich es schon mal erwähnt: Klassische Adventures faszinieren mich und ich spiele sie gerne, aber ich bin darin echt scheiße und gebe meistens irgendwann frustriert auf.

Die Erfindung von Let‘s Plays und die Welle der „neuen“ Adventures scheinen daher wie für mich gemacht, und wenn man sich z.B. die Erfolge der diversen Telltale-Serien ansieht, stehe ich damit nicht alleine da.

Life is Strange, entwickelt von Dontnod (Remember me) und veröffentlicht von Square-Enix kam für mich überraschend um die Ecke. Ich hatte davon noch nie gehört und plötzlich überschlug sich das ganze Internet mit Lobeshymnen. Um die Lücke zu füllen, die das Ende von The Witcher 3 in meinem Herzen und meiner Zeitplanung hinterlassen hatte, besorgte ich mir also den Season Pass. Im Vorfeld hatte ich schon die Demo ausprobiert und für gut befunden.

Aber worum geht es genau?

Life is Strange ist die Geschichte der 18-jährigen Fotografiestudentin Maxine „Max“ Caulfield (Verwandt mit Holden Caulfield?), die eines Tages entdeckt, dass sie die Zeit zurückdrehen kann. Dies ist nicht nur Story relevant, sondern auch eine Gameplay-Mechanik, denn man kann Gespräche, Entscheidungen usw. immer und immer wieder zurückspulen und so lange ausprobieren, bis man mit dem Ergebnis zufrieden ist. Außerdem wird die Zeitmanipulation bei verschiedenen „Rätseln“ eingesetzt, wobei ich das absichtlich in Klammern setzte, denn wirklich viel Gehirnschmalz wird hier selten gefordert.Im Vordergrund steht mehr das Probieren und natürlich die Story, von der man im Vorfeld am besten nicht zu viel weiß, außer, dass es um ein verschwundenes Mädchen und einen apokalyptischen Wirbelsturm geht.

Das Ganze ist im Grunde eine coming-of-age Geschichte mit Zeitreisen und wen das jetzt an Donnie Darko denken lässt, der liegt nicht ganz falsch, denn unter dem anfänglichen High-School-Drama lauert von Beginn an etwas Dunkles; schwer greifbar und dennoch omnipräsent.

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Von der Telltale Konkurrenz habe ich bisher nur die erste Staffel von The Walking Dead, sowie zwei Episoden von Game of Thrones gespielt, trotzdem finde ich den Unterschied zu Life is Strange, was die Entscheidungen angeht sehr auffällig. Wo die Telltale Spiele durch ein Zeitlimit bei Entscheidungen Druck erzeugen, diese aber relativ wenig am eigentlichen Verlauf der Story ändern, lässt LiS dem Spieler alle Zeit der Welt, sich seine Wahl genau zu überlegen. Die Entscheidungen sind dabei hier so weitreichend und auch ohne Zeitdruck so Stress auslösend, dass ich teilweise 10 Minuten lang laut Selbstgespräche führend durchs Zimmer lief und alle Eventualitäten abzuwägen versuchte.

Man hat wirklich das Gefühl, einen großen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte zu haben und nicht nur darauf, ob Person A oder Person B am nächsten Gespräch teilnimmt, oder hinterher sauer auf einen ist.
Bei den Telltale-Adventures fand ich das im Nachhinein immer sehr beliebig. Mag sein, dass Life is Strange bei mehrmaligem Durchspielen hier auch seine Tricks offenbart, aber jedenfalls halten sie die Illusion von Einflussnahme besser aufrecht.

Also, wer eine der mitreißendsten Geschichten der letzten Jahre erzählt bekommen möchte, auf (moderne) Adventurespiele steht und etwas mit Zeitreisen, Donnie Darko, Detektivgeschichten und Drama Drama Drama (Baby) anfangen kann, sollte bei Life is Strange bedenkenlos zugreifen!

AB HIER MEGAFETTE SPOILER FÜR DAS KOMPLETTE SPIEL UND BESONDERS DAS ENDE AUF KEINEN FALL WEITERLESEN WENN IHR LIFE IS STRANGE NOCH NICHT DURCHGESPIELT HABT UND JEMALS VORHABT ES ZU SPIELEN IHR MACHT EUCH ALLES KAPUTT ICH HABE EUCH GEWARNT!!111!!!

 

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lis6Die letzte Episode habe ich gleich am Erscheinungstag geladen und hatte auch direkt am Abend Zeit, sie zu spielen. Für die anderen vier Folgen habe ich durchweg jeweils zwei Abende gebraucht, aber Polarized habe ich in einer Sitzung konsumiert.

Wie in Trance bin ich förmlich hindurchgezogen worden und habe dabei sehr viele Sachen übersehen. Aber ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich überhaupt keine Zeit habe, mich genauer an den Schauplätzen umzusehen, weil die Bedrohung durch den Sturm und mein Wunsch Chloe zu retten so groß waren. Die Gefühle von Max färbten komplett auf mich ab, eine Form von Immersion, wie sie viele Rollenspiele nicht einmal annähernd erreichen.

Spielerisch muss ich sagen, hat mir das Finale aber am allerwenigsten Spaß gemacht. Die Monologe von Mr. Jefferson (Warum siezt Max den immer noch?) fand ich zwar interessant, aber nach einiger Zeit trotzdem ermüdend und im Allgemeinen viel zu „James Bond Bösewicht erzählt seinen bösen Plan und wird dann gestoppt, weil er zu selbstverliebt war.
Die Sequenzen ziemlich zum Schluss, wo man sich vor den ganzen Nebenfiguren mit den Taschenlampen verstecken musste, fand ich einfach nur nervig und langgezogen. Bin auch ständig erwischt worden und musste diese oft wiederholen.

Die aufgegebenen, verschobenen Zeitlinien fand ich auf der einen Seite sehr atmosphärisch, weil total David Lynch mäßiger Mindfuck, spielerisch gab es dort aber auch nichts zu tun. Außer natürlich, einfach alles auf sich wirken lassen, was irgendwie das Credo der ganzen Episode war.

Ok, kommen wir zum rosa Elefanten im Raum: Welche Wahl habe ich bei der finalen Entscheidung getroffen?

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Nun ja, da gab es für mich gar nicht so viel zu entscheiden. Es stimmt, dass Max Wunsch, Chloe zu retten der Auslöser für alles war und zu immer weitreichenderen Zeitmanipulationen geführt hat, was dann schlussendlich in dem gigantischen Tornado gipfelt, der Arcadia Bay vernichtet. Es heißt schließlich nicht umsonst: „Don‘t fuck with the Space-Time-Continuum, Kids!

Chloe hat mit ihrem selbstlosen Angebot, die Zeit wieder an den Anfang des Spiels zu drehen und sie dann NICHT zu retten, um die Stadt und alle ihre Bewohner vor der Auslöschung zu bewahren, natürlich recht und wäre Life is Strange eine Geschichte über eine strahlende Heldin, wäre dies die einzige logische Lösung.

Aber, wenn man diesen Star Trek Bullshit ala „das Wohl Vieler Vs. das Wohl des Einzelnen“ mal außer Acht lässt und sich überlegt, was Max alles getan hat, um ihre Freundin zu retten und das immer und immer wieder, gibt es meiner Meinung nach absolut keinen Grund, jetzt einen Rückzieher zu machen.

Max hat das Unmögliche möglich gemacht und ist buchstäblich durch die Hölle gegangen, um Chloe vor Schaden und Tod zu bewahren. Wenn sie dies jetzt rückgängig macht, opfert sie nicht nur Chloe, all ihre eigenen Taten, ihre eigenen Opfer, wären bedeutungslos gewesen.
Außerdem ist sie ein Teenager, der vor die Wahl gestellt wird, ob sie die Person, die ihr am meisten bedeutet, oder eine Stadt retten soll, in der sie seit fünf Jahren nicht mehr gewesen ist.

Ich habe also natürlich Chloe gerettet und ich weigere mich, mir das andere Ende auch nur auf YouTube anzusehen oder überhaupt in Erwägung zu ziehen, dass es eine andere Lösung geben könnte.

Und als Max und Chloe gemeinsam durch das zerstörte Arcadia Bay und in den Sonnenuntergang fuhren, bekam ich eine Gänsehaut …

Vernunft ist Nichts, Gefühl ist Alles!

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4 Kommentare zu The Adventures of Max-fucking-Caulfield, Time Warrior!

  1. moep0r sagt:

    Okay. Ich habe den Titel nun endlich auch mal nachgeholt und am Ende direkt die andere Entscheidung getroffen 😀

    Max hat das Unmögliche möglich gemacht und ist buchstäblich durch die Hölle gegangen, um Chloe vor Schaden und Tod zu bewahren. Wenn sie dies jetzt rückgängig macht, opfert sie nicht nur Chloe, all ihre eigenen Taten, ihre eigenen Opfer, wären bedeutungslos gewesen.
    >Also mir war Chloe gar nicht sooo sympatisch. Sie hat sich staendig selbst in Gefahr gebracht (Zug, Pistole, Swimming Pool, Frank/Nathan) und die Abwesenheit ihres Vaters fuer ihre Fehltritte verantwortlich gemacht. Daher konnte ich auch nicht immer nachvollziehen, wieso Max sie so toll fand. Folglich fand ich es gar nicht sooo schwer ihr den Todeswunsch zu erfuellen als sie ans Bett gefesselt war. Mein Gott, was bin ich denn fuer ein Mensch? xD

    Außerdem ist sie ein Teenager, der vor die Wahl gestellt wird, ob sie die Person, die ihr am meisten bedeutet, oder eine Stadt retten soll, in der sie seit fünf Jahren nicht mehr gewesen ist.
    > Naja, fuer mich war es eher die Wahl ihrer Heimatstadt vs. eine komplett andere Chloe als die, die vor 5 Jahren ihre beste Freundin war und sie erst seit einer Woche kennt.
    Du hast allerdings recht, ich hatte dann schon irgendwie das Gefuehl, dass ja das ganze Spiel dann umsonst gespielt war 😀

    • Ich mochte Chloe irgendwie schon, bin aber auch ein Scheidungskind ^^ Die Darstellung von Teenagern fand ich im gesamten Spiel sowieso sehr gut und ich shippe Max und Chloe hart! Stehe zu meiner Entscheidung! 🙂

  2. Joey sagt:

    Danke für den Artikel! Ich kann deinen Ausführungen voll und ganz zustimmen. Schade, dass du im GAME TALK nicht anwesend sein konntest. Beim nächsten Mal dann! 😉

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